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Was ist der gegenwärtige Zustand des Radios, der den Schrei nach Quote überhaupt ausgelöst hat?
Wenn Thomas Venker in der Frankfurter Rundschau vom 16.7.04 konstatiert, daß im öffentlich-rechtlichen Rundfunk die Tendenz weggehe von hochwertigen Autorensendungen der siebziger und achtziger Jahre zu „Charts-Mainstream“ von der Stange, ist dies als Folge der Auswirkungen der privaten Radiosender zu sehen, die im Interesse ihrer Refinanzierung auf Werbeeinnahmen setzen müssen. Hohe Werbeeinnahmen erfordern nicht nur rabiate Kostensenkung im Sendebetrieb, sondern auch eine extrem hohe Bindung der Hörer an den jeweiligen Sender. Nur permanent hohe Hörerzahlen garantieren den Zufluß von Werbegeld, das davon abhängig ist, welche Hörerzahlen bei den regelmäßigen Medienanalysen festgestellt werden. Da Raum- und Technikkosten praktisch nicht beeinflußt werden können, diktiert das Bemühen um Kostensenkung den Abbau von Personalkosten. Dieser ist dadurch ermöglicht worden, daß auf Redakteure – soweit diese überhaupt noch diesen Namen verdienen - weitgehend verzichtet worden ist, was auch durch das Zusammenlegen von Musikredaktionen für mehrere private Sender zugleich erreicht werden kann.
Im Interesse der Hörerbindung ist bei den Privatsendern das Prinzip „Durchhörbarkeit“ zwingend. Die Durchhörbarkeit wird aber durch substantielle Wortbeiträge bzw. Wortanteile vermeintlich gestört, da unterstellt wird, daß Hörer eher bei der Stange bleiben, wenn sie musikalischer Dauerberieselung ausgesetzt sind und die rieselnde Musik selbst ein hohes Maß an Vertrautheit bietet. Diese Vertrautheit ist nur durch ein gnadenloses Maß an Glattbügeln zu erreichen, d.h. eine Beschränkung der Musik auf Mainstream, mithin den kleinsten musikalischen gemeinsamen Nenner.
Bedingt durch die technischen Möglichkeiten kann das zu sendende Repertoire komplett auf Festplatte gespeichert werden, so daß das lästige Auflegen von CDs entfällt, mithin der Arbeitsaufwand (sprich: Personalkosten) erfreulich reduziert werden kann. Wenn dann ohnehin nur marginale Wortbeiträge den Fluß der Musik unterbrechen sollen, bedarf es für die wenigen Ansagen auch keiner echten Redakteure oder sonstiger qualifizierter Mitarbeiter mehr. Nachdem Berichterstattung oder Information (nicht einmal solche über die gespielte Musik!) nicht geeignet scheint, Hörer zu binden, sondern als eher das geistige Potential der Hörer überfordernd bewertet wird, können die wenigen noch erforderlichen Wortbeiträge auch von billigeren Sprechern geleistet werden. Deren Leistung muß sich dann bei den privaten Sendern wesentlich auf die Propagierung von Gewinnspielen beschränken, mit denen die Hörertreue gefördert bzw. belohnt werden soll und muß, ferner auf die Ansage von „Nachrichten“, die sich auf die Wiedergabe von Schlagzeilen beschränken, und schließlich auf Verkehrsfunk und Wetterbericht. All dies wird als Formatradio bezeichnet, dessen „Format“ in der Beschränkung auf massentaugliche und leicht verdauliche Berieselung besteht. Vorgeblich wird hierdurch größtmögliche Akzeptanz beim Hörer erreicht. Diese wiederum wird anhand der Medienanalyse geprüft und bestimmt die Preise der Werbung, vor allem aber auch die Menge der Werbung, mit der der Sender rechnen kann.
Übersehen wird hierbei, daß dann, wenn alle privaten Sender nach dem gleichen Prinzip arbeiten, vorprogrammiert ist, daß es belanglos wird, welcher Sender eingeschaltet wird, sobald die „Musikfarbe“ mit derjenigen der Konkurrenzsender identisch geworden ist, was zwangsläufig ohnehin der Fall ist, wenn sich Sender eine Musikredaktion teilen. Auch die Gewinnspiele helfen dann nicht weiter, da die Gleichförmigkeit der Programme allenfalls das Maß der ausgesetzten Preise beeinflußt. Wenn das Programm, d.h. die Musik, die Hörer nicht mehr an einen Sender bindet, wird der durch vermeintlich lustige Ansagen ausgelöste Wettbewerb mit den attraktivsten Preisen so mörderisch, daß sich auch die Gewinnspiele ad absurdum führen.
Obwohl der Wettbewerb der Privatsender längst dazu geführt hat, daß diese sich in nichts mehr unterscheiden und musikalisch durch eine Beschränkung auf Mainstream und extrem wenige Hits schlicht langweilig sind, fühlen sich viele öffentlich-rechtliche Sender veranlaßt, sich im Interesse von Werbeeinnahmen und von Hörerzahlen der Sendepraxis des Privatradios anzupassen. An sich sind die öffentlich-rechtlichen Sender infolge der Finanzierung durch Gebühren auf Werbung nur vermindert angewiesen und aufgrund geltenden Rechts zu einem breiten und differenzierten Programm verpflichtet. Diesen Sendeauftrag nehmen sie allerdings kaum mehr wahr, sondern gebärden sich durchweg als Wettbewerber um die Hörergunst, obwohl infolge der Vielzahl existenter Sender es selbstverständlich ist, daß die absoluten Hörerzahlen sich infolge Aufteilung auf die Sender reduzieren müssen.
Um gegenüber den Privaten im Rahmen der Medienanalyse nicht schlecht auszusehen, wird deren „Format“ gnadenlos kopiert. So werden nicht nur Autorensendungen gestrichen, sondern es wird ebenso wie bei den Privaten auf Konsensplaylists gesetzt. Zwar weisen die Festplatten der Öffentlich-Rechtlichen noch bis zu 2.500 Musiktitel auf, während die Privaten teilweise mit nur noch 350 Titeln auskommen (vgl. Peter Radszuhn, Radio 1, in Berliner Zeitung vom 27./28.11.04), doch ist der Verzicht auf fast alles, was außerhalb des Mainstreams liegt, unübersehbar.
So stellt Thomas Venker (aaO.) zutreffend fest, daß es „das unberechenbare, das fühlende Radiomacher-Subjekt nicht mehr geben soll“, daß „individuelle Ambitionen stören“, weshalb konsequent die „Meßlatte des Populären“ immer höher gehängt wird. Jede Sorte Musik, die das Risiko birgt, nicht jeden Hörer anzusprechen, wird vermieden. Angesichts der zahllosen Nachrufe auf den herausragenden Musikredakteur der BBC John Peel sollte es Bedenken auslösen, daß auch bei den Öffentlich-Rechtlichen ein neuer John Peel – so es ihn denn gäbe – absolut chancenlos wäre. Während John Peel permanent nach aktueller und spannender Musik gesucht hat, damit er sie anschließend, maßlos subjektiv nach eigenem Verständnis, propagieren konnte, ist die Zielsetzung aller Sender derzeit, solcherlei Verhalten unbedingt zu unterbinden. Geprägt wird dies offensichtlich durch die Angst, sonst weiter Hörer an die Privaten zu verlieren. Daß diese Angst einigermaßen grundlos ist, wenn die Austauschbarkeit der privaten Programme viele Hörer dazu veranlaßt, den „Gutelauneterror“ (Andreas Kurtz in Berliner Zeitung vom 12.6.04) zu fliehen, sollte insbesondere der Erfolg von Radio 1 in Berlin belegen. Lange Zeit als Exot belächelt, hat Radio 1 mit dem „alten“ Konzept eines redaktionsbestimmten Programms erheblich an Hörern dazu gewonnen (Medienanalyse II/2004).
Trotz des Erfolgs von Radio 1 ist der Trend unverkennbar, daß die Öffentlich-Rechtlichen sich vom Spartenradio verabschieden, d.h. von einem breit gefächerten Angebot verschiedenster Sparten, insbesondere von fundierten Autorensendungen. Die Beschränkung auf Playlists, in denen das obere Drittel der Charts und eine schmale Datenbank mit dem so genannten „Besten“ der 80er und 90er Jahre bestimmend sind, ist längst Standard. Daß dabei infolge des Verzichts auf Entdeckermut, wie ihn John Peel ausgezeichnet hat, die Charts ausschließlich durch Verkäufe von Tonträgern bestimmt werden und keineswegs mehr durch den Erfolg von Musikwerken beim Hörer, ist bittere Ironie. Vorbei sind die Tage, in denen dem Radio (zu jener Zeit mangels existierender Privater ausschließlich öffentlich-rechtliche Sender) noch Hitmacher-Qualitäten zu eigen waren. Der Verzicht auf Entdeckerfreuden im Radio hat bewirkt, daß dem Publikum praktisch keine Möglichkeit mehr gegeben ist, Musik im Radio zu entdecken, die dann infolge Hörerwunsch zum Dauergast im Radio und damit zum Hit wird.
Zugleich werden die Hits dann letztlich von der Tonträgerindustrie selbst bestimmt, indem dort die Höhe der jeweiligen Marketing- und Promotionbudgets festgelegt werden, die wiederum für Penetranz des Markts sorgen. Deswegen ist es geradezu zynisch, daß nun der Bundesverband der Phonographischen Wirtschaft vom Radio eine Quote verlangt, damit das Radio kostenlos diejenige Musik präsentiert, für die die Industrie wohl nicht bereit ist, Promotiongelder auszugeben. Dem steht durchaus nicht der beachtliche Erfolg neuer deutschsprachiger Acts entgegen: immerhin hat die deutsche Tonträgerindustrie an den Erfolg etwa von Annett Louisan, Wir sind Helden oder Silbermond ebenso wenig geglaubt wie die US-Industrie an Norah Jones oder den Erfolg des (Bluegrass-) Soundtracks zum Film „Oh, Brother, where art thou?“.
Die Zeiten der Entdeckungen im Radio waren eng verbunden nicht nur mit Ansagen, welcher Titel gerade gespielt worden ist, sondern auch von wem und was es zu dem maßgeblichen Künstler alles zu sagen gab. Auch wenn durch häufig umfangreiche Berichte die Menge der präsentierten Musik hierbei begrenzt war, hatte diese Form der Sendung eine erhebliche Tiefenwirkung, indem sich Hörer nicht nur ernst genommen fühlen durften, sondern auch informiert und – vor allem – eher an die gespielte Musik gebunden worden sind. Allerdings erforderte diese Präsentation die Existenz von echten Musikredakteuren und nicht nur von Sprechern, die Platten und später CDs aufgelegt haben, derzeit aber nur noch den Zeitpunkt des Abrufs oller Kamellen von der Festplatte programmieren.
Soweit von den Sendern, öffentlich-rechtlich oder privat, reklamiert wird, die frühere Praxis sei bereits aus Kostengründen heute nicht mehr möglich, ist dies bereits deswegen frappierend, weil durch die erheblichen Entlassungswellen, die die Musikindustrie in den letzten Jahren geschüttelt haben, erhebliches Potential möglicher Redakteure brach liegt, das mangels anderweitiger Beschäftigungsperspektive wohl kaum exorbitante Gehaltsvorstellungen äußern kann oder will. Mit anderen Worten: das Kostenargument ist wenig überzeugend.
A propos Wort: findet tatsächlich einmal eine Berichterstattung statt, so findet sich der identische Wortbeitrag, hier: der Tod von Ray Charles, in Berlin nicht nur beim Inforadio, sondern sogleich auch beim Deutschlandradio Berlin sowie beim Deutschlandfunk (Berliner Zeitung vom 12.6.04). Ob diese Form der Kostenersparnis sachgerecht ist, darf mit Recht bezweifelt werden.
So lange die Öffentlich-Rechtlichen die Privaten kopieren und die Privaten wiederum durch Änderung ihrer Programmpolitik nicht auf die wegbrechenden Werbeeinnahmen reagieren, die der Hörerschwund wegen Austauschbarkeit der privaten Sender auslöst, ist eine Änderung der Sendepraxis nicht in Sicht. Nachdem die Öffentlich-Rechtlichen infolge der seit Jahren praktizierten Veränderung vom Sparten- zum Formatradio bereits kräftig Personal abgebaut haben, wäre selbst dann, wenn eine Quote gesetzlich vorgegeben würde, keine Rundfunkredaktion mehr vorhanden, die mit den Folgen einer Programmvorgabe umgehen könnte. Indem eine Quote ja nur etwas über Form, indes nichts über Inhalt aussagen kann, stellt sich die Frage, wer denn quotengemäß Repertoire auswählen und - vor allem – präsentieren soll.
Bevor eine Quote zu sinnvollen Ergebnissen führen kann, müßte das Radio intern erst einmal die Voraussetzung erfüllen, Programm so zu gestalten, daß eine Änderung der Qualität und nicht nur ein Austausch der Berieselung erfolgt. Allein das Diktat, nationale oder neue Aufnahmen zu senden, bedeutet nicht zwingend einen Abschied vom Mainstream oder gar Hinwendung zu Qualität, da es selbstverständlich auch in neuer oder deutschsprachiger Form Belanglosigkeiten gibt. Bei allem musikalischen Respekt vor etwa Silbermond kann ernsthaft keiner behaupten, daß deren Songtexte von irgendeiner Relevanz wären. Ob Texte des deutschen Rappers Sido in irgendein Radioprogramm gehören, darf aufgrund pädophiler und sexistischer Inhalte bezweifelt werden.
Wer verlangt nach einer Quote?
Soweit diverse deutsche Musiker nach einer Quote verlangen, verkennen sie, daß eine Änderung des status quo beim Radio zunächst dort eine strukturelle Änderung erfordert und es ohne diese gar keine echte inhaltliche Ausrichtung von Sendungen geben kann. Ohne Existenz von fachkundigen Redakteuren besteht nur das Risiko, daß sich die Farbe des Einheitsbreis ändert, indes nicht der Geschmack. Weiterhin verkennen sie, daß es zu schlicht gedacht ist, vermeintliche Dominanz von Musik aus den USA oder aus England durch deutschsprachige Titel zu ersetzen. Immerhin kommt auch der Löwenanteil ausländischer Musik im hiesigen Radio nicht vor, das ausschließlich Hits berücksichtigt. Wenn Frankreich, wo es eine Quote für französische Produktionen gibt, als Beispiel bemüht wird, wird zudem übersehen, daß dies für die Qualität der einheimischen französischen Produktionen nichts aussagt, vor allem aber, daß Frankreich keine 12 Jahre währende Unterbrechung nationaler Kultur der Popmusik erfahren hat, so daß dort traditionell eine eigene Pop-Kultur existiert hat.
Deutsche Musiker ignorieren, daß ihre eigene Musik maßgeblich geprägt ist von der Rolle, die nach 1945 AFN oder BFBS gespielt haben, d.h. sie weitgehend nach US-amerikanischen Vorgaben musikalisch sozialisiert sind. Auch dort, wo eigene Werke gespielt werden, ist die Spielweise maßgeblich von derjenigen ausländischer Musiker geprägt. Daß dabei oftmals der handwerkliche Standard der Vorlagen verpaßt worden ist und wird, was wiederum als Entschuldigung für Musikauswahl im Radio dient, wird hierbei leicht übersehen.
Wenn die Tonträgerindustrie nach Quote ruft, so war dies zunächst als Versuch zu deuten, gegenüber ausländischen Konzernmüttern die Produktion von deutschen Künstlern zu rechtfertigen: sofern eine Quote gesetzlich oder durch Selbstverpflichtung des Radios erreicht worden wäre, müßten die Konzernmütter sich mit der Einflußnahme auf hiesige Absätze, d.h. mit dem Forcieren der Absätze von vornehmlich US-Künstlern, zurückhalten. Immerhin würde dann die Radiopräsenz der deutschen Künstler den Managern der Industrie ein Argument gegen die Anweisungen der Mutterfirmen liefern. Daneben stellt sich der Ruf nach Quote, soweit er von der Industrie kommt, als etwas pervers dar, nachdem jahrelang von deutschen Künstlern verlangt worden ist, auf englisch zu singen, damit die Aufnahmen auch im Ausland verkaufen zu können. Angesichts der Absatzkrise – ausgelöst durch privates Brennen von CDs und illegale Downloads – hat der Ruf nach Quote natürlich auch mit der Hoffnung zu tun, daß die Absätze von CDs bei erhöhter Radiopräsenz wieder steigen. Mit einem echten Bemühen um künstlerische Vielfalt oder Interesse an einheimischer Musik hat dies nur wenig zu tun. Daß der Ruf nach mehr Vorstellung von Neuheiten auch erfordert, darüber nachzudenken, was überhaupt neu ist, sei am Rande bemerkt: letztlich ist unabhängig vom Zeitpunkt der Entstehung einer Aufnahme alles neu, was das Publikum noch nicht kennt.
In jedem Fall ist es absurd, wenn Gerd Gebhardt vom Bundesverband der Phonographischen Wirtschaft, der Lobby der Tonträgerindustrie, allerorten die Einführung einer Quote als Heilmittel für die Fehler der Industrie fordert, da das Problem, das durch die Digitalisierung von Musik entstanden ist, durch die Quote ebenso wenig geheilt werden kann, wie das Problem, das durch langjährige Fixierung der Industrie auf kurzfristigen Erfolg mit Hits anstelle von Alben entstanden ist: wenn Hits, die als Singleverkäufe wenig abwerfen, zur Meßlatte werden, werden diese dann illegal gebrannt oder per Download verteilt, wenn sie auf Alben sind, die ansonsten nur Klangtapete enthalten. Die Umorientierung der Industrie auf Künstler mit langfristigem Karrierepotential und Alben, auf denen die Mehrzahl der Songs Katalogwert hat, mag die Shareholder mangels kurzfristiger Profite nicht interessieren, ist aber allemal eher geeignet, die Krise der Industrie zu überwinden, als eine Quote innerhalb einer Radiolandschaft, die dringend der strukturellen Erneuerung bedarf.
Wenn Politiker wie Antje Vollmer (Bündnis 90/Grüne), Steffen Kampeter (CDU) oder SPD-Fraktionschef Franz Müntefering (Musiklounge der Musikwoche vom 1.11.04) sich des Themas „Quote für Nationales und Neues“ annehmen, ist besondere Vorsicht angesagt. Angesichts der bei Politikern selten verbreiteten Sachkunde über Musik generell, Strukturen der Musikindustrie speziell und medienrechtliche Besonderheiten lassen deren Äußerungen zumeist befürchten, daß es um Profilierungsbedürfnisse geht. Dies indiziert die Äußerung des Berliner Kultursenators Thomas Flierl, es sei der regionalen Musikindustrie mehr Präsenz zu verschaffen, desgleichen die Erklärung des Berliner Bildungssenators Klaus Böger, deutsche Musik sei ein Ausdruck kultureller Identität und solle erhalten bleiben (obwohl an deren Abschaffung niemand bislang gedacht hatte!) oder auch die von Alice Ströver, Vorsitzende des Kulturausschusses im Berliner Abgeordnetenhaus, daß sich niemand wundern müsse, daß dann, wenn sich die öffentlich-rechtlichen Anstalten nicht stärker um Musik aus Deutschland kümmerten, es zu einer Zwangsquote per Gesetz komme. Daß derlei Aussagen ohne Nachdenken und nur im Interesse populistischen Stimmenfangs gemacht werden, ergibt sich bei genauerem Betrachten des Inhalts einer Forderung nach einer Quote.
Welchen Inhalt hat nun die Forderung nach einer Quote?
Soweit die Forderung nach mehr Neuheiten im Rundfunk gestellt wird, scheint das ja noch einfach zu sein. Oh nein, so einfach ist das gar nicht! Soll es um neue Kompositionen gehen, d.h. Lieder, die gerade erst geschrieben worden sind oder gar um Lieder bei denen die musikalische Substanz (harmonisch, melodisch, rhythmisch) völlig neu ist? Soll es um neue CD-Veröffentlichungen gehen, d.h. CDs, die die Industrie gerade in den Markt gestellt hat? Soll es um neue Künstler gehen, d.h. Künstler, die neu im Markt stehen? So lange man als neu etwas begreift, was bislang dem Publikum unbekannt ist, sind auch Aufnahmen neu, die aus dem Archiv stammen, indes lange Jahre verschollen waren. Sofern neu nur das sein soll, was gerade komponiert worden ist, dürften neue Künstler – etwa Juli oder Silbermond – nur dann im Radio gespielt werden, wenn sie keine seit längerem existierende Komposition spielen würden. Soll es um neue Künstler generell gehen, d.h. unabhängig vom Entstehungsdatum der Kompositionen um solche Interpreten, die erstmals in Erscheinung treten, soll dies dann ausschließen, daß bekannte Künstler mit neuen Kompositionen eben nicht mehr gespielt werden sollen, weil sie als Arrivierte nicht mehr neu sind? Es ist müßig, auf die Forderung nach neu weiter einzugehen, so lange nicht klar ist, was eigentlich mit neu gemeint ist. Anders: der Neuigkeit an sich kann keine Bedeutung zukommen, da neu natürlich auch irgendwelcher bislang nicht gekannter Mist sein kann.
Wenn die Forderung nach einem Anteil nationaler Produktionen laut wird, wird es ebenso verwirrend. Sind darunter nun Aufnahmen deutscher Künstler von Liedern mit deutschem Text zu verstehen oder auch solche mit z.B. englischem Text? Sollen ausschließlich Aufnahmen von Liedern mit deutschem Text, der dann auch von einem Türken gesungen sein darf, gemeint sein? Oder gilt die Forderung für alle Aufnahmen, die – unabhängig von der Substanz – in Deutschland produziert worden sind (etwa Münchner Aufnahmen eines Jazzmusikers aus den USA)?
Für die Industrie wären alle drei Varianten positiv, da jede Präsentation ihres Repertoires verkaufsfördernd wäre. Für die deutschen Musiker wäre es wünschenswert, wenn ihre eigenen Aufnahmen Nutzniesser der Quote wären, wobei es auf die Sprache der Liedtexte ihnen kaum ankommen dürfte. Den Politikern indes kann eigentlich, soweit sie sich nicht als Unterstützer einheimischer Industrie verstehen, nur an deutschsprachigen Liedtexten von deutschen Interpreten liegen. Soweit dies mal mit nationalem Pathos verlangt wird, mal mit Kritik an den USA als kulturimperialistischer Macht, ignorieren beide Blickwinkel, daß es sich auch bei der Musik aus den USA im Prinzip um europäische Liedkultur handelt. Das, was Musik aus den USA spezifisch macht, ist die Addition afro-amerikanischer (politisch unkorrekt: schwarzer) Elemente bei Rhythmus, Harmonie und Phrasierung. Da kein Politiker, schon gar nicht von Bündnis 90/Grünen, sich dem Geruch wird aussetzen wollen, er wolle nicht, daß schwarz beeinflußte Musik weniger und deutsche (was immer das ist) Musik mehr über den Äther gehe, bestätigt sich, daß die Politik sich zur inhaltlichen Debatte zurückmelden sollte, sobald sie nachgedacht hat.
Wenn selbst zeitgenössische irische Musik kaum ohne Banjo, ein rein schwarzes Instrument, auskommt, zeigt sich, welch Maß an Borniertheit ein Denken in nationalen Kategorien hinsichtlich Musik ausmacht. Praktisch jeder Popmusiker in Deutschland ist in seiner Spielweise entscheidend von internationalen Vorlagen bestimmt, ausgenommen allenfalls berufsmäßige Volksmusikanten, deren Musik wenig mit echter Volksmusik, dafür um so mehr mit dem zu tun hat, was die Industrie einmal als volkstümlich definiert hat – doch selbst diese machen nicht zu knapp Anleihen bei der gesamten europäischen Folklore einschließlich der Musik von Sinti und Roma. Bestimmt durch die Allgegenwärtigkeit auch von Aufnahmen aus vordem exotischen Ländern ist es seit Jahren jedem Musiker möglich, Spielweisen zu adaptieren, die vor der massenhaften Verbreitung von Schallplatten Jahre, wenn nicht Jahrzehnte gebraucht hätten. So hatte bereits das Interesse der USA an Musik aus Hawaii in den späten 1920ern zur Folge, daß Slide-Gitarre von zahllosen Bluesgitarristen gerade deswegen forciert entwickelt worden ist. Wer an den Einfluß der Verfügbarkeit von Tonkonserven nicht glaubt, sollte darüber nachdenken, wie ohne Schallplatten Eric Clapton sonst gelernt hätte, die lokal stark unterschiedlichen Spielweisen von Chicago-Blues, Piedmont-Blues und Texas-Shuffles spielen zu können (die Beispiele sind zahllos, und zwar bezüglich eines jeden Instruments).
Einziges Kriterium für nationale Besonderheit von Musik ist mithin die Sprache. Insoweit ist aber erstaunlich, daß für englische Sprache, gegen deren hemmungslose Übernahme durch die Werbung oder durch unerträgliches Denglisch keine Bedenken bestehen, Grenzen im Radio gesetzt werden sollen zugunsten deutscher Liedtexte. Dabei ist insbesondere befremdlich, daß es nur auf die Sprache selbst anzukommen scheint, nicht aber auf sprachliche Qualität. Folgt man der Quotenforderung, wäre es eher geboten „Es ist geil, ein Arschloch zu sein“ zu senden, eben weil es auf deutsch ist, dagegen abzulehnen, „I´m gonna miss her“ von Brad Paisley zu senden, da englisch, und zwar trotz des Umstands, daß es sich bei dem Paisley Song um eine ausgesprochen ironische kleine Geschichte handelt, die auch mit musikalischem Witz transportiert wird. Die Beispiele für fragwürdige Entscheidungen zugunsten eines deutschsprachigen Liedtexts zu Lasten eines anspruchsvollen englischen Liedtexts sind zahllos. Wer meint, solche Beispiele seien ja auch nicht im Visier, sondern eher Eminem oder 50 Cent, vergißt, daß dann auch die unsäglichen Texte eines Sido oder Bushido für den Sendebetrieb tabu bleiben müßten, trotz oder gerade wegen der Verwendung deutscher Sprache.
Eine Forderung nach einer Quote für Neuheiten oder gar nach einem nationalen Musikanteil stellt sich insgesamt als unreflektiert und – vor allem – wenig sachgerecht dar, da es entscheidend auf musikalische Vielfalt in den Sendern ankommt und intelligente redaktionelle Programmgestaltung. Gesetzt den Fall, öffentlich-rechtliche Sender würden ihren Auftrag wieder ernst nehmen und das Privatradio würde gesetzlich verpflichtet, ebenfalls Programm zu gestalten, statt Werbezeit zu verkaufen und die Lücken zwischen der Werbung mit tausendfach Gehörtem zu überbrücken, dürfte sich eine Forderung nach Quote ohnehin erübrigen.
Wie soll eine Quote umgesetzt werden?
Selbst wenn die Pflicht zu einer Quote käme, stellt sich zunächst die Frage, wer bei den Sendern sie denn erfüllen soll. Die erforderliche Spezies „kenntnisreicher Musikredakteur“, gekennzeichnet durch umfangreiche Repertoirekenntnis (bei der GEMA sind über 4 Mio. Werke registriert, gesendet werden maximal 3.500 ...) und ferner durch erhebliche musikalische Neugier, ferner Bereitschaft zum Hören und Interesse an der Vermittlung von Kenntnis, existiert gar nicht mehr, sondern wird kontinuierlich abgebaut, selbst bei Musik-TV wie VIVA und MTV, nicht zu reden von zahlreichen öffentlich-rechtlichen Sendern, die ihre „Nischen“ für jede Sorte Musik jenseits des Mainstream dichtmachen (vgl. Henrike Rossbach, Wo bleibt die perfekte Welle? in FAZ v.27.11.04 und Elke Buhr, Im Windkanal, in FR v. 5.11.04).
Wenn aber schon niemand mehr da ist, der die Quote umsetzen könnte, stellt sich an sich die Frage nach dem wie gar nicht mehr. Aber auch dann, wenn plötzlich aus dem Nichts wieder die begnadeten Radiomacher wieder auftauchen würden, ist schleierhaft wie die Forderung umgesetzt werden soll, da mangels klarer Definition, was als neu und inländische Produktion angesehen werden kann, zwangsläufig Probleme auftauchen würden. Dies um so mehr dann, wenn eine Vielzahl von Produktionen deutscher Musiker im internationalen Vergleich musikalisch-handwerklich leider nicht mithalten können oder aber textlich unter Diarrhoe leiden. Um nicht mißverstanden zu werden: ich erwarte von Popmusik keine literarischen Texte, aber auch nicht gerade Aufrufe zu sexuellem Mißbrauch von Minderjährigen (Sido) oder Texte à la Poesiealbum 6. Klasse Hauptschule (Silbermond), schließlich auch keinen 12. Aufguß von gut abgehangenen Szenesprüchen (Udo Lindenberg). Denkbar wäre es, die sich dann im Sektor Popmusik auftauchenden Lücken durch Einsatz von Liedermachern, in deren Umfeld ich auch Annett Louisan einordnen würde, zu schließen, die traditionell textlich etwas höhere Ansprüche setzen. Dann aber bekämen viele objektiv neuen, weil neu veröffentlichten Songs wohl das Stigma „alter Künstler“, also nicht konform mit der Quote (z.B. Klaus Lage, Erich Schmeckenbecher u.a.).
Im Geiste des deutschen Perfektionismus höre ich schon den Ruf nach dem Gesetzgeber, der doch bitte durch Ausführungsverordnung regeln möge, wie denn die Quote umgesetzt werden soll. Aus lauter Angst vor derlei Gestaltungswahn bleibt mir nur die Hoffnung, daß dem Privatradio aus Trotz gegen den musikalischen Einheitsbrei und die krampfhaft lustige (?) Moderation die Hörer abhanden kommen und deswegen die Werbeeinnahmen weiter wegbrechen. Der Kollaps des einen oder anderen Privatsenders dürfte dann auch die Einsicht des einen oder anderen Leiters eines öffentlich-rechtlichen Senders folgen, daß man Schwachsinn auch dann nicht mitmachen muß, wenn er zumindest zeitweilig einem die Hörer abspenstig gemacht hat. Erst nach einer solchen Einsicht erwarte ich die strukturelle Reform, deren Auswirkungen auch die Forderung nach einer Quote erfolgreich zu Grabe tragen.
3. April 2005
© Ulrich Schulze-Rossbach
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