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Worauf sich Hoffnungen stützen, dass es auch wieder aufwärts gehen könnte, ist unklar. Immerhin suchen von den vier noch verbliebenen Major-Companies (Universal, Sony, Warner, EMI) zwei dingend nach Käufern, was für Warner und EMI ja wohl kaum gelten würde, wenn Anlass zur Annahme bestünde, dass dort damit gerechnet werden könnte, bald wieder viel Geld zu verdienen. Die Branche äußert sich gelegentlich, dass neue Formate die Rettung seien, etwa Bonus- oder Premium-Einheiten, bei denen etwa der CD noch digital nicht erhältliche Bonustitel zugesetzt werden oder eine DVD beigepackt wird. Nachdem früher oder später auch die Bonustitel oder Filmmaterial auf illegale Plattformen geladen werden dürfte und viele Konsumenten sich von dort bedienen, kann diese Hoffnung nur wenig überzeugen, weil sie sich schlicht nicht mit dem Inhalt des Produkts Musikkonserve befasst, der Musik. Es lohnt sich, sich mit diesem Inhalt und seinem Umfeld näher zu befassen.
Bedarf nach Musik hat es natürlich immer gegeben, doch hat das Geschäft mit Tonträgern sein in 1999 beendetes Wachstum Umständen zu verdanken, die einfach nicht mehr vorhanden sind oder wiederbelebt werden könnten. Das musikalische Zusammengehen von weißer (Country, Broadway) und schwarzer (Blues, Rhythm & Blues, Jazz) Musik in der neuen Form Rock and Roll hat im Klima der drögen 50er Jahre Musik zum Mittel der Jugend gemacht, sich selbst zu definieren. Erstmals ist Musik ab Mitte der 50er Jahre Identifikationsmittel für Jugendliche geworden. Die Adaption von Rock `n´ Roll sowie der hierin enthaltenen Bausteine durch den britischen Beat, der natürlich alle weiteren Entwicklungen mit einbezogen hat (Motown, Soul), hat die Verkaufszahlen stetig steigen lassen, wobei für die jugendlichen Konsumenten das Prinzip galt „sag mir, was Du hörst, und ich sage Dir, wer Du bist“. Anders: Hörer und, vor allem, Käufer haben sich über „ihre“ Musik identifiziert.
Dabei hat die Rolle der Musik als Identifikationsstifter nicht nur die Zahl der Künstler - Solisten oder Gruppen – sprunghaft steigen lassen, sondern auch ab Mitte der 60er Jahre erstmals reine Schallplattenläden entstehen lassen. Wurden zuvor Schallplatten eher nebensächlich in Elektrogeschäften für weiße und braune Ware gehandelt, tauchten nun Läden auf, die ausschließlich Musik als Konserve verkauften. Da es als Format nur Schallplatten gab, die nur auf fest stehenden Plattenspielern abgespielt werden konnten, zugleich viele Radiosender die „Negermusik“ nicht in ihr Programm aufnehmen wollten, hat sich durch gemeinsames Hören von Schallplatten die Wirkung der Musik als soziales Bindemittel noch verstärkt.
Zugleich war die Zeit von 1955 bis 1975 geprägt von erheblichen gesellschaftlichen Verwerfungen, die gerade in den wichtigsten Absatzmärkten für Jugendprotest und künstlerische (musikalische) Umsetzung gesorgt haben: in den USA Rassentrennung und Vietnamkrieg, in UK Auflösung des britischen Empire (Zuzug zahlloser colored people aus den Kolonien), in Deutschland zunächst amorpher Protest (Halbstarke), dann Aufarbeiten der schwarzbraunen Vergangenheit. Dass derart heftige soziale Verwerfungen außerordentliche Entfaltung von Kreativität auslösen, ist historisch wiederholt festzustellen gewesen, so u.a. bei den flämischen Malern nach der Befreiung der Niederlande.
Insoweit ist es wenig verwunderlich, dass in den zwanzig Jahren von 1955 bis 1975 praktisch sämtliche musikalischen Zutaten populärer Musik aufgetaucht sind, von denen die gesamte Musikindustrie auch heute noch zehrt: von Elvis Presley, Gene Vincent, Buddy Holly und Eddie Cochran über Chuck Berry, Little Richard und Fats Domino zu den Shirelles, Miracles, Hank Ballard & the Midnighters, dann zu James Brown, unbedingt auch Bob Dylan, weiter (über den Atlantik) zu Beatles, Rolling Stones, Animals, Pretty Things, dann zu Otis Redding, Marvin Gaye, Supremes, schließlich Jimi Hendrix, Cream, Traffic, Led Zeppelin, Deep Purple, weiter zu Frank Zappa, Captain Beefheart und zurück zu den Wurzeln Country (selbst ein Bastard aus irischer, britischer und deutscher Folklore), Blues, Broadway, Music Hall. Bei allen Unterschieden firmierte dies alles als Rockmusik. Diese war maßgeblich für den beträchtlichen Anstieg der Umsätze mit Musikkonserven verantwortlich.
Dabei ist auffallend, dass die Zahl der originären Rocker noch überschaubar war, die Zahl der britischen Beatbands und ihrer überall hörbaren nationalen Echos drastisch darüber lag, während die Zahl der danach in Sachen Flower Power, Psychedelia und was-weiß-ich tätigen Künstler nahezu unüberschaubar gewachsen ist. Alle Musiker – und mit ihnen natürlich die „Plattenfirmen“ – haben zugleich von dem Albumformat profitiert, dass erstmals wohl von den Beatles mit „Rubber Soul“ vorgelegt worden ist. Das Albumformat war aufgrund der höheren Marge für das Auftauchen reiner Plattenläden von elementarer Bedeutung. Dass dabei aufgrund des identitätsstiftenden Charakters der Musik den Plattenläden auch erhebliche Bedeutung bei der Förderung bestimmter Stilrichtungen zugekommen ist, teilweise auch aufgrund ihrer sozialen Funktion als zweitem Wohnzimmer, in dem man sich mit den neuesten Veröffentlichungen vertraut machen konnte, sei bereits deswegen angemerkt, weil es diese Läden nicht mehr gibt. So bequem der Einkauf bei Amazon sein mag: Atmosphäre hat er nicht.
Ab 1975 haben natürlich alle Musiker weiter gemacht wie zuvor, so mit großem Erfolg Eagles, Bob Seger, Bruce Springsteen und, nicht zu unterschätzen, die von all dem vorangegangenen Krach inspirierten einheimischen Künstler von Lindenberg über Müller-Westernhagen und Peter Maffey bis zu den Puhdys und Karat. Dabei lief das Geschäft noch ganz wunderbar, auch wenn außer Punk, Rap/HipHop und Techno wenig Neues zum Kanon der existenten Vorlagen gekommen ist und alle drei Richtungen musikalisch nur eingeschränkt einleuchten. Immerhin – und hierauf gründet sich die in der Branche verbreitete irrige Annahme, man brauche ein neues Format – kam 10 Jahre nach der in 1975 beginnenden Phase der musikalischen Resteverwertung das Format CD.
Die CD hat dann nach langsamem Start das Geschäft mit Musikkonserven unglaublich belebt. Das hatte entscheidend damit zu tun, dass zahllose Musikfans ihre kompletten Sammlungen an liebgewonnenen Vinyl-LPs durch CDs ausgetauscht haben, damit endlich Knistern und Knacken ein Ende haben sollte. Übersehen hat die Industrie dann aber vor lauter Freude über ständig wachsende Verkaufszahlen, dass Zahnpasta nicht in die Tube zurück will, ebenso wenig der digitale Geist zurück in die Flasche. Während die vordem beklagte Kopie von Vinyl auf Cassette oder Spulentonband immer eine echte Kopie mit Qualitätsverlust war, handelt es sich bei der Kopie einer digitalen Datei eigentlich nicht um eine Kopie, sondern ein Klon.
Die Industrie hat das Risiko des Klonens auch bei den DAT-Recordern erkannt und sich gegen diese so heftig gewehrt, dass das DigitalAudioTape (DAT) schnell ausgestorben ist. Gegen die von der finanzstarken Computerindustrie dann eingeführten CD-Brenner hat die Musikindustrie aber mangels Erfolgsaussicht dann von vornherein auf Verteidigung verzichtet. Sodann war nicht nur der Schulhof-Brennerei (einer kauft, alle Mitschüler brennen) das Tor geöffnet, sondern auch dem Brennen von aus dem Internet bezogener Musikdateien.
Abgesehen davon, dass ohnehin populäre Musik musikalisch meist in kleiner Münze zahlt, mithin die Variationsbreite limitiert ist, wenn Massentauglichkeit als Hit erstrebt ist, ist der substantielle Unterschied, der die Rockmusik bestimmt, die Verschmelzung von schwarzer und weißer Musik. Was aber bereits erfolgt ist, kann nicht wiederholt werden. Wenn ohnehin die kreativen Möglichkeiten per se eher limitiert sind, wenn aufgrund der heute extrem schnellen Verbreitung jeder exotischen Spielweise sich auch jeder Musiker Techniken etwa aus dem Senegal, aus Madagaskar oder Kuba aneignen kann, ist unklar, welcher neue musikalische Inhalt das Geschäft dauerhaft beleben soll. Gerade am Erfolg des Buena Vista Social Club wird deutlich, dass dieser Erfolg nicht wiederholt werden kann.
Wenn sich Hoffnungen darauf stützen, dass mehr Musik gehört wird als je zuvor, verkennt dies, dass Musik weitgehend als Geräuschkulisse oder Klangtapete genutzt wird, indes der vordem identitätsstiftende Charakter abhanden gekommen ist. Selbst wenn er ansatzweise noch auffindbar wäre, steht fest, dass Musik ja omnipräsent oder, wenn auch illegal, kostenlos beziehbar ist, so dass sie nicht gekauft werden muss. Dies hat natürlich positiven Effekt auf das Budget der Jugendlichen, die stets den überwiegenden Käuferkreis ausgemacht haben. Aus dem Budget muss ja die Handy-Rechnung bezahlt werden, die Spielkonsole, der PC und was sonst noch, was früher mangels Existenz als Ausgabeposten nicht in Betracht kam.
Der Rest an kreativem Musikschaffen wird zudem negativ bestimmt von der derzeitigen Struktur der Musikindustrie, die mit ihrem Börsengang einen Kardinalfehler begangen hat. Dieser hat zwangsläufig den Shareholdervalue wichtiger als die zu vermarktende Musik gemacht. Wenn Quartalsberichte das Agieren bestimmen, müssen zwangsläufig Kosten-Nutzen Überlegungen alle künstlerischen Entscheidungen dominieren, so daß Controller mehr Bedeutung erhalten als A& R Manager. Controller werden stets den schnellen Erfolg begrüßen, bei dem eingesetztes Kapital sich schnell refinanziert und zusätzlich Gewinne erzielt werden. Dies ist aber nur dann zu erreichen, wenn spontan massentaugliche Musik vermarktet wird. Musik, für die sich erst langsam ein Markt entwickeln muß, weil das große Publikum erst gefunden werden muß, hat in den Augen der Controller keine Chance, weil der Zeitpunkt des Erreichens einer Gewinnzone nicht absehbar ist. Dies provoziert eine Konzentration auf Mainstream und tendenziell Langeweile, die sich wesentlich in Alben ausdrückt, bei denen nur ein einziger Hit den Rest verkaufen muss.
Nur wenn auf einer CD mit 55 Minuten Musik 50 Minuten anstelle von nur 5 attraktiv wären, kann ernsthaft ein Kauf erwartet werden, da sich nur dann die Behauptung, Alben seien zu teuer, als falsch oder Alibi für illegale Downloads erweisen würde. Allerdings müsste dann, wenn CDs verkauft werden sollen, auch noch eine Handelsstruktur erkennbar sein, die diesen Namen verdient und Verkäufe ermöglicht. Mir sind Independents bekannt, die ohne den Versandhandel wie Amazon ihre Unternehmen schließen könnten, weil sie in ganz Deutschland etwa auf 10 (!) Fachhändler zählen können, über die sie ihre Jazz-CDs verkaufen können …
Selbst wenn sich ein Album findet, das spannende und attraktive Musik enthält, müsste es zunächst die Billigung der Controller finden und sodann ein Vertriebsnetz, über das es physisch verkauft werden kann. Ansonsten bleibt nur die Möglichkeit, die Aufnahmen digital zu vertreiben, was zunächst einen Verzicht auf die übliche Datenverstümmelung per MP3 erfordern würde, sodann aber auch eine Propagierung durch Hörbarmachen. Zur üblichen MP3Verstümmelung sei nur angemerkt, dass es idiotisch erscheint, mit erheblichem Aufwand eine bestmögliche Aufnahme herzustellen, nur damit sie im Interesse schnelleren Datentransports anschließend kastriert wird. Die Kastration bleibt dem Hörer nur dann verborgen, wenn er sowieso Musik nur über die Lautsprecherzwerge des PC oder Hörstöpsel aus dem Supermarkt hört.
Hörbarmachen jenseits von Internetplattformen erfordert aber eine Wiederbelebung der Radiolandschaft. Auch wenn gelegentlich bei privaten wie auch öffentlich-rechtlichen Sendern darüber nachgedacht wird, dass man die Hörerzahlen vielleicht durch Verzicht auf langweilige Musikprogramme mit den Hits der vergangenen Jahre erhöhen könnte, ist nicht ersichtlich, dass dies seit Jahren anhaltende Nachdenken in naher Zukunft ein Ergebnis erwarten ließe.
Angesichts der Gegebenheiten ist davon auszugehen, dass eine Erholung des Geschäfts mit Musikkonserven nicht zu erwarten ist. Vielmehr ist dies Geschäft wieder da, wo es vor 1954 schon einmal war: damals dominierte das Geschäft mit Singles so wie heute im digitalen Sektor das Geschäft mit Tracks. Dabei war das physische Produkt Single (ebenso wie die wenigen LPs als Single-Kompilationen) Zusatzprodukt, das man den Käufern von Elektroartikeln eben nebenher anbieten muss. Insoweit hat der Ich-bin-doch-nicht-blöd-Media-Markt eine Vorreiterfunktion, da dort CDs verschämt in der Ecke feilgehalten werden, allerdings bei unglaublicher Repertoirebeschränkung und unbedingt weniger Stellfläche als für DVD, wobei schnellere Kabel auch die DVD-Stellfläche bereits kurzfristig für Espressomaschinen freimachen könnten.
Schade ist das alles vor allem für die Musiker, die es zunehmend schwerer haben werden, ihre Aufnahmen auch verkaufen zu können. Angesichts schrumpfender Möglichkeiten von Auftritten in Clubs, vor allem dort schrumpfender Gagen ist diese Entwicklung existenzbedrohend. Daran ändern die wenigen Karrieren nichts, auch nicht die Kür zum Superstar in Bohlens Kasperletheater DSDS.
© 2011, Ulrich Schulze-Rossbach
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