Casting von Stars?

DSDS, Popstars und andere TV-gestützte Casting-Shows haben derzeit Hochkonjunktur. Die Attraktivität derartiger Programme scheint all denen innerhalb der Tonträgerindustrie Recht zu geben, die meinen, hiermit einen Ausweg aus der Krise gefunden zu haben. Diese Annahme scheint insoweit begründet, als einerseits trotz bereits absehbarer Ermüdungseffekte bei den TV-Konsumenten unverändert ein beachtliches Interesse des Publikums besteht, sich darüber zu amüsieren, wie sich junge Amateure blamieren, andererseits die Gewinner solcher Casting-Shows satte Umsatzzahlen für anschließende CDs garantieren.

Kritik an der Konzentration auf die Gewinner von Casting-Shows, die nur vermeintlich Stars sind, es realiter erst werden müßten, wird zum einen damit abgetan, daß es auch früher schon gecastete Stars gegeben hätte, d.h. Stars aus der Retorte, zum anderen damit, daß ohne diese Gewinner von Casting-Shows das Dilemma der Industrie und – vor allem – auch des Handels noch schrecklicher wäre, als es ohnehin schon ist. Das ist eben so richtig wie falsch. 

Wenn als prominentes Beispiel für frühere Retorten-Stars die Monkees genannt werden, ist zwar richtig, daß diese kurzfristig erfolgreich waren. Zugleich ist dies Beispiel aber auch falsch, da der Erfolg seinerzeit maßgeblich davon bestimmt war, daß gerade die Monkees mit erstklassigem Song-Material aus dem Brill-Building, dem Sitz zahlloser Musikverleger, versorgt worden sind, u.a. mit Songs von Neil Diamond. Natürlich ist es in gewissem Maß spekulativ, ob die Monkees auch mit anderen Songs erfolgreich geworden wären, indes mehr als unwahrscheinlich, wenn man die von ihnen gelieferten Songs ansieht, die das Ende der Karriere der Monkees nun schon um Jahrzehnte überlebt haben. Vor allem aber belegen gerade die Monkees, die sich nach relativ kurzer Zeit aufgelöst haben, daß ein entscheidendes Moment innerhalb dieser Gruppe gefehlt hat: der unbedingte Wunsch, gemeinsam nicht nur Erfolg zu haben, sondern – vor allem - gemeinsam Musik machen zu wollen.

Es überrascht daher kaum, daß die erfolgreichste gecastete Gruppe, die No Angels, sich gerade vom Markt verabschiedet hat. Wenn die No Angels als Grund hierfür angegeben haben, sie hätten den Druck von 300 Auftritten pro Jahr nicht mehr verkraftet, wird deutlich, daß die Mitglieder der Gruppe Casting nicht als Chance für den Start einer Musikerkarriere verstanden haben, sondern ausschließlich als Chance schnell berühmt und reich zu werden. Jeder Musiker, der ernsthaft Musik machen will, wäre dagegen froh, wenn er 300 Auftritte pro Jahr absolvieren dürfte. Abgesehen davon, daß eine solch hohe Zahl an Auftritten für Musiker der alten Garde – z.B. Fats Domino oder Ray Charles – schlicht Standard gewesen ist, bleibt zusätzlich anzumerken, daß auch die Dauer der Auftritte früher erheblich länger war. Mir ist nicht erinnerlich, daß sich die Beatles darüber beschwert hätten, in ihrer Hamburger Zeit nicht nur 300 Auftritte pro Jahr absolvieren zu müssen, sondern auch bis zu acht Stunden auf der Bühne zu stehen. 

Wenn dagegen die Auftritte der No Angels nur eine durchschnittliche Länge von einer Stunde hatten, wird deutlich, daß die Klage über die erhebliche Belastung davon bestimmt ist, daß das ursprüngliche Interesse mehr an Ruhm und Geld bestand, nicht aber vom Erreichen musikalischer Ziele bestimmt war. Selbst wenn die Vorstellung von Ruhm und Geld durch das Erreichte übertroffen wird, geht aber im Erfolgsfall mit Sicherheit die Illusion der Teilnehmer an einer Casting-Show zu Bruch, daß man nur noch wenig arbeiten müsse. Mit Sicherheit erwartet ein Casting-Show-Teilnehmer, bei Erfolg nurmehr deutlich weniger als einen 8-Stunden-Tag vor sich zu haben.

Daß das Motiv berühmt und reich zu werden, vor allem nicht mehr hart arbeiten zu müssen, bestimmend ist, weniger das, mit einer bestimmten musikalischen Äußerung ein größtmögliches Publikum finden zu wollen, wird auch dadurch bestätigt, daß keiner der Wettbewerbskandidaten einer Casting-Show etwa eigenes Repertoire geschaffen hat oder schaffen will, sondern im Wettbewerb sich auf erfolgreiche Titel stützt, die längst von anderen Musikern popularisiert worden sind, ferner erwartet, daß ihm/ihr anschließend Repertoire überlassen wird. Konsequenter Weise sind die gecasteten Talente dann als Wettbewerbssieger darauf angewiesen, von Dritten mit Repertoire versorgt zu werden, soweit sie sich nicht darauf stützen wollen, bereits existente Songs anderer Künstler zu reproduzieren. 

Das Dilemma gecasteter Künstler besteht mithin darin, daß ihr Wunsch, berühmt zu werden, größer ist als der Wunsch, Musik zu machen, vielmehr letztere nur als Mittel verstanden wird, berühmt - und dadurch reich - zu werden. Dies soll nicht verkennen, daß selbstverständlich auch Musiker ein handfestes Interesse an Ruhm und Geld haben. Wenn aber Mick Jagger einmal über Keith Richard geäußert hat, daß dieser auch dann weiter Musik gemacht hätte, wenn dies erfordert hätte, auf ewig in kleinen Clubs in der Vorstadt spielen zu müssen, ist dem nichts hinzuzufügen. Daß das Interesse, unbedingt Musik machen zu wollen, nicht einmal erfordert, daß ein Künstler sein eigenes Repertoire komponiert, wird deutlich am Beispiel Elvis Presley, der praktisch ausnahmslos fremde Songs interpretiert hat. Presleys Wunsch nach Perfektion der Darbietung ist verbrieft von seinen Begleitmusikern, die sämtlich bereits im Restaurant waren, wenn Presley einen Song zum 27igsten Mal gesungen hat, weil er meinte, es noch besser zu können. Wie entscheidend der Wille ist, Musik zu machen, wird deutlich beim Vergleich einer zu Lebzeiten unveröffentlichten Aufnahme von „Tin Pan Alley“, das Stevie Ray Vaughan aufgenommen hatte, aber erst in einer später aufgenommenen Form zur Veröffentlichung frei gegeben hat, da er es erst dann als perfekt verstanden hat: tatsächlich kann nur die spätere Fassung überzeugen.

Wenn aber absehbar ist, daß gecastete Künstler nicht nur das immense Risiko bergen, infolge fehlenden „Musiktriebs“ keine ausreichende Kreativität zu entfalten, nicht einmal der Arbeitsbelastung eines Musikers gewachsen zu sein, sie mangels echter Musikereigenschaft auch auf Dritte als kreative Produzenten und/oder Repertoire-Lieferanten angewiesen sind, vor allem aber trotz Siegs im Wettbewerb nicht einmal sicher ist, daß ihre Leistungsfähigkeit auch nur dafür ausreicht, Aufnahmen abzuliefern, die wiederholtem Hören standhalten, ist mehr als fraglich, ob sich die Hoffnungen der Industrie auf Rettung der Umsätze durch gecastete Künstler erfüllen. 

Fraglos ist der Marketing-Vorteil nicht von der Hand zu weisen, der darin besteht, daß das werbefinanzierte Fernsehen der Industrie die Propagierung eines Künstlers abnimmt. Sobald aber der gecastete Sieger auf CD veröffentlicht ist, muß dann, wenn der visuelle Vorteil von z.B. DSDS erhalten werden soll, ein Video nachgeschoben werden. Hierbei ist aber dessen Aussendung durch Viva oder MTV keineswegs garantiert, so daß beim Hören es ausschließlich auf die Qualität von Song und Darbietung ankommt. Auf die Darbietung mag es nach einem Sieg in der Casting Show für die erste Veröffentlichung nur begrenzt ankommen, doch ist dann der Song um so wichtiger. Spätestens aber bei einer Album-Produktion schlagen alle Nachteile in der Person des Casting-Siegers voll durch, da dann auf dem künstlerischen Produzenten die Last der Repertoire-Auswahl und des kreativen Inputs allein lastet. Zudem entfaltet sich dann das Problem, daß der gecastete Künstler blockt, weil er sich um die Illusion des schnell berühmt und reich Werdens und des geringen erforderlichen Arbeitseinsatzes betrogen fühlt. 

Mag ein echter Musiker willens sein, um seiner Musik willen sich selbst auszubeuten, d.h. Opfer zu bringen, kommt dies tendenziell für den gecasteten Musiker nicht in Betracht. Die erheblichen Mühen und Anstrengungen der No Angels sollen hierbei nicht heruntergespielt werden: natürlich haben diese Tanz, Choreographie und Singen gut und engagiert gelernt – dennoch fühlen sie sich trotz Erfolgs und Ruhms offensichtlich überfordert.

Fallen aber Casting-Künstler aufgrund ihrer anderen Motivationslage langfristig als Künstler aus, können sie nur kurzfristige Erfolge garantieren. Sobald ihre geringe Substanz verbraucht ist oder sie sich infolge von Illusionen über die harte Arbeit eines Musikers frustriert fühlen, entsteht die Notwendigkeit, das nächste TV-propagierte Gesicht durchs Dorf zu treiben. Eine Kontinuität künstlerischer Karrieren ist damit nicht zu erreichen. Gerade aber wenn weniger als 1 % aller Veröffentlichungen mehr als die Hälfte aller Tonträgerumsätze ausmacht, kommt langfristigen Künstlerkarrieren eine immense Bedeutung zu. Nur wenn durch neue Veröffentlichungen eines Künstlers auch dessen frühere Veröffentlichungen kontinuierlich ohne erneuten Aufwand für Marketing und Promotion (mit) verkauft werden, können die Verluste aus der Masse der Veröffentlichungen, die ihre Kosten nicht einspielen, querfinanziert werden. Ein Alt-Katalog, der sich praktisch von alleine verkauft, wird durch Casting-Acts aufgrund von deren Kurzlebigkeit definitiv nicht geschaffen. 

Wenn aber permanent neue Interpreten benötigt werden, da der Halbzeitwert der Casting-Stars extrem kurz ist, kann sich keine Käufertreue entwickeln, die dazu führt, daß etwa neue Veröffentlichungen bereits aufgrund einer Identifikation mit einem Künstler gekauft werden oder ein Alt-Katalog sich aufgrund neu gewonnener Anhänger eines Künstlers von allein verkauft. Dies geht parallel mit einem Verlust der Bedeutung von Musik, der als Äußerung von Wegwerf-Künstlern kein Wert mehr zugebilligt wird. Daß damit zugleich nur bestimmten Songs noch ein Wert zugebilligt wird, ist nicht geeignet, diese Entwicklung zu konterkarieren. Im Gegenteil werden dann die attraktiven Songs per Download oder Schwarzbrennen besorgt, da ein Album des Künstlers nicht mehr zu überzeugen vermag.

Daher ist auch der kurzfristige Erfolg, mit einem Casting-Star große Stückzahlen verkaufen zu können, was gerade dem gebeutelten Fachhandel, über den gerade noch 17 % aller Verkäufe laufen, hilft, zumindest langfristig eher nachteilig, wenn nicht bereits mittelfristig. Schließlich lenkt jeder Blitzerfolg eines Casting-Stars weiter von der Heerschar echter Musiker ab, die unverdrossen versuchen Musik zu machen, die über den massenkompatiblen Einheitston hinaus geht. Ein Plädoyer für eine A & R – Arbeit jenseits des massentauglichen Einheitsbreis ist keinesfalls eine Missachtung des Bedürfnisses nach leichter Pop-Kost. Im Gegenteil kann Zuckerwatte nur dann geschätzt werden, wenn sie in Konkurrenz zu einer Vielfalt anderer Artikel steht. Ironie ist, daß es diese Vielfalt durchaus gibt, indes nichts oder zumindest fast nichts dafür getan wird, dies dem Publikum auch bewußt zu machen. 

Dabei hat sich die Sturheit von Mo Ostin, früher Vize-Chef von Warner, an Little Feat durchaus ausgezahlt: obwohl die ersten vier Alben dieser Gruppe bereits verramscht worden sind, hat er an der Gruppe festgehalten. Als dann deren sperrige Musik mit dem fünften Album millionenfach verkauft worden ist, sind auch die ersten vier Alben, nun wieder in der Hochpreiskategorie, erfolgreich vermarktet worden. Daß die Gruppe anschließend über viele Jahre hinweg kontinuierlich verkauft hat, versteht sich fast von selbst. Im Ergebnis wird diese nicht mehr anzutreffende Programmpolitik von Grönemeyer bestätigt, wenn dieser erklärt, so etwas wie seine eigene Karriere sei derzeit aufgrund veränderter Programmpolitik nicht mehr möglich. Im Interesse von Musik sollte sich dies aber wieder ändern, wenn nicht riskiert werden soll, daß Musik zur Bedeutungslosigkeit verdammt wird. Nachdem bei Castings es nur noch um Sänger und Songs geht, Musiker hingegen bestenfalls notwendige Macher im Hintergrund abgeben, befördert Casting gerade die Herabwürdigung von Musik, auch wenn vordergründig der Eindruck erweckt wird, es würde Musik propagiert. 

Nachdem im Jahr 2002 die Veranstalter von Konzerten (die gegen Downloads resistent sind) mehr Umsatz als die gesamte Tonträgerindustrie gemacht haben, sollte erkennbar sein, daß ein erhebliches Interesse an Musik dargeboten von Musikern besteht. Wenn zugleich viele dieser Musiker für CD-Verkäufe eine eher nachrangige Rolle spielen, sollte die Diskrepanz zwischen dem existenten Interesse an der Live-Darbietung und dem nicht-existenten Marketingbudget der Industrie für derartige Künstler zu denken geben. Die vielfach zitierten Charts taugen jedenfalls nicht zur Rechtfertigung, da sie nur reflektieren können, was medial bereits als Hit vorbereitet ist, sei es nun der Sieger einer Casting-Show oder eine Veröffentlichung, für die im Interesse der Refinanzierung erheblicher Produktionskosten die Marketing- und Promotionbudgets so strapaziert werden, daß die CD gar nicht mehr übersehen werden kann.


Mit Sicherheit wäre es langfristig sinnvoller, anstelle von Casting-Shows mal wieder Clubs und Proberäume aufzusuchen, wo noch richtige Musik gemacht wird.

© 27.9.2003

Ulrich Schulze-Rossbach

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