Absatzkrise im Tonträgergeschäft

Angesichts der Fehler, die seit Jahren gemacht werden, ist es ein Wunder, dass der Markt nicht noch viel schlimmer eingebrochen ist!

Wenn für die Probleme der Industrie Schulhofbrennerei oder Downloads verantwortlich gemacht werden, lenkt dies nur von jahrelangen Fehlern ab. So ist seit Jahren nicht mehr feststellbar, dass Artist- und Repertoireabteilungen ihre Aufgabe ernst nähmen. Anstatt nach Künstlern zu suchen, die langfristiges Potenzial haben, wird aus Angst, etwas zu verpassen, praktisch jeder Mist veröffentlicht, vorausgesetzt, der Künstler ist jung und telegen. Wenn Chris Blackwell, der "Vater" von Island Records, unlängst im Billboard geunkt hat, dass derzeit jeder, der auch nur zwei brauchbare Songs anbieten könne, unter Vertrag genommen würde, früher dagegen jahrelanges Tingeln (was handwerkliche Präzision bewirkt), kann dem nur zugestimmt werden. Jeder weiß zwar, dass die Beatles in Hamburg angefangen haben, doch kaum einer zieht daraus den Schluss, dass erst die 250 bis 300 Auftritte pro Jahr sie "reif" gemacht haben. Die Folge der schnellen Invertragnahme ist aber, dass Kompilationen nicht mehr Appetit auf Alben der repräsentierten Künstler in voller Länge machen, weil deren Alben sturzlangweilig sind und eben nur noch den einzigen Hit des "Künstlers" aufweisen. Damit nimmt aber - anders als früher - die Kompilation der Originalveröffentlichung Käufer weg. Warum soll sich jemand ein Album kaufen, wenn der einzige attraktive Titel bald mit anderen Hits auf einer Kompilation auftaucht. Nicht nur das: die Kompilationen finden auch nur wenige Käufer, da sie gezieltes Objekt von Schulhofbrennerei werden.

Das Jammern über die durch Brennerei verhinderten Umsätze mit z.B. Bravo-Hits oder Kuschelrock verschleiert, dass dann, wenn auf diesen Kompilationen Aufnahmen wären, die Interesse an vollständigen Alben wecken könnten, die privaten Kopien gar nicht so riskant wären. Wenn trotz anderer demographischer Gegebenheiten die Künstler nicht nach musikalischer Substanz ausgewählt werden, sondern ausschließlich danach, ob sie jugendliches Image haben und damit die Kids erreichen, ist das Risiko von substanzlosen Alben groß und die Zahl der zu kompilierenden Titel einzelner Künstler gering. Fände A&R statt, wäre die Zahl der Veröffentlichungen drastisch geringer, was auch der Übersichtlichkeit im Handel zugute käme. Zudem würden dann auch wieder langfristige Karrieren von Musikern aufgebaut, was derzeit gar nicht mehr stattfindet. Im Interesse von shareholder value mag schneller Umsatz mit einem einzigen Hit attraktiv sein, doch für eine dauerhafte Entwicklung ist dieser value tödlich. Wenn heute von Repertoire gesprochen wird, bezieht sich dies entscheidend auf den vor vielen Jahren aufgebauten Katalog mit Alt-Repertoire. Welche derzeit veröffentlichten One-Hit-Wonders sollen denn das Alt-Repertoire der Zukunft bestimmen?

Nicht nur Kompilationen schaden dem Geschäft, sondern auch Soundtracks. Durch einen Soundtrack mag zwar effektiv Katalog verwertet werden, doch ist durch kaum einen Soundtrack irgendeine Künstlerkarriere gestartet oder auch nur nennenswert gefördert worden.. Dass es Ausnahmen gibt, etwa "Oh Brother where art thou?" in den USA, sagt dabei gar nichts. Eine dauerhafte Künstlerkarriere setzt langfristiges Arbeiten an und mit einem Künstler voraus, der nicht nur handwerklich fit ist, sondern auch etwas zu sagen hat. You can´t play music if you ain´t got nothing to say (Willie Nelson).

Auch die kostenlosen Downloads wären dann nicht gefährlich, wenn sich A&R wieder auf eine geringere Zahl von Veröffentlichungen, indes mehr musikalische Substanz konzentrieren würde. Ziel von Downloads sind nahezu ausnahmslos einzelne Titel eines Albums, kaum je ein komplettes Album. Grund hierfür ist, dass Kosten und Aufwand für Downloads kompletter Alben in keinem Verhältnis zum Preis eines Albums im Handel stehen. Sofern die Risiken von Downloads eliminiert werden sollen, bedarf es mithin ebenso der Konzentration auf qualitativ hochwertige Musik, d.h. auf Alben, die nicht nur einen einzigen brauchbaren Song aufweisen. Selbst wenn Interessenten sich einzelne Songs per Download besorgen, würde dies bei insgesamt attraktiven Alben für diese keine echte Gefahr bedeuten.

Angesichts des massenweise den Markt verstopfenden musikalischen Mülls erfordert echte A&R Arbeit aber eine Selbstbeschränkung auf eine geringere Zahl an Veröffentlichungen, d.h. A&R, die sich nicht darauf beschränkt, verlegen nach der Konkurrenz zu schielen, oder aus lauter Angst, etwas zu verpassen, auch die größte Belanglosigkeit grandios zu feiern. Würde A&R funktionieren, gäbe es nicht 30.000 und mehr Veröffentlichungen pro Jahr, die weder Hörer finden können noch Rezensenten noch Programmmanager, die sie in die Rotation packen, geschweige denn Händler, die sie bevorraten.

Abgesehen davon sind Schulhofbrennerei und Downloads Phänomene, mit denen sich die Industrie dann nur bedingt auseinandersetzen müsste, wenn sie Kunden jenseits von 25, allenfalls 30 Jahren ernst nähme. Wer vom Berufsleben aufgefressen wird, hat weder Zeit noch Lust, sich mit sensiblen Kopien (selbstgebrannte CDs haben weniger Oberflächenschutz und sind anfälliger für Abspielfehler) oder Downloads zu beschäftigen, dafür aber regelmäßig das notwendige Kleingeld, sich CDs im Handel zu kaufen. So lange als Käufer nur Kids umworben werden, die wenig Geld, dafür aber viel Zeit haben, allerdings auch andere Konsumwünsche (Handy, Spielekonsole), fängt sich die Industrie im selbstgestrickten Netz. Dass trotz mehr als 10jähriger Diskussion der Sleeper-Problematik die Industrie es immer noch nicht geschafft hat, ihr Marketing auf 30+ Jahrgänge abzustellen, ist schlicht peinlich. Dies um so mehr, als jede demographische Studie erkennen lässt, dass die Kids immer weniger werden, dafür aber die Zahl der Alten immer größer.

Dass es die Industrie gerade einmal geschafft hat, Santana in die Charts zu hieven, ist absurd. Immerhin kann die Industrie aufgrund der mangelnden Selbstbeschränkung ihrer A&R Abteilungen ja genügend Künstler der verschiedensten Genres anbieten, die das gleiche Potenzial haben. Wenn aber nur für Santana die Trommel gerührt wird, weil man sich wegen der Gastmusiker jugendliches Publikum als Käufer erhofft hat, ignoriert dies, dass die Jugend gleichwohl nur eingeschränkt für den Erfolg verantwortlich war, sondern es maßgeblich die Älteren waren, die verdutzt festgestellt haben, dass es Santana noch gibt. Allerdings ist Santana als Protegé von Clive Davies in einer besonderen Rolle: oftmals sind Künstler seiner Statur nur noch in der Lage, bei Independents unterzukommen, da sie für die Majors zu zerknittert aussehen. Den Independents mit ihren beschränkten Budgets ist es aber nicht vorzuwerfen, dass sie keine intensiven Marketingkampagnen starten können.

Zusammenfassend fordere ich mehr Mut der A&R Abteilungen, weniger Veröffentlichungen mit dafür mehr Qualität, Entwickeln von Künstlern mit Bestandskraft und ein Marketing, das sich in angemessener Weise um ältere Zielgruppen kümmert.

Berlin, den 8.10.2001

Schulze-Rossbach
Rechtsanwalt

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